Das Stanford-Prison-Experiment ist eines der berühmtesten Psychologie-Experimenten der Welt, geleitet vom US-amerikanischen Psychologen Philip Zimbardo. Für das Experiment wurden 18 freiwillige College-Studenten in jeweils 9 Wärter und Gefangene eingeteilt. Am 17. August 1971 wurden die Freiwilligen gemäß ihrer Rollen in ein improvisierte Gefängnis gebracht. In den nächsten zwei Wochen sollten in dem zum Gefängnis umgebauten Kellertrakt der Stanford Universität die soziopsychologische Dynamik zwischen den Wärtern und den Gefangenen beobachtet werden. Gerade das Verhalten der Gefangenen war von besonderem Interesse für die Forscher. Das Experiment wurde bereits am sechsten Tag abgebrochen, nachdem die Zustände in den vorherigen Tagen immer weiter eskaliert waren.

Zusammen mit dem umstrittenen Milgram Elektroschock-Experiment wird das Stanford-Prison-Experiment immer wieder angeführt, wenn es darum geht zu zeigen, dass auch gute Menschen situationsbedingt schlimme Dinge tun können. Obwohl die Studie in Fachkreisen bereits oft kritisiert wurde, geriet sie im Juni 2018 erst so richtig unter Beschuss.

Macht, Missbrauch und Zusammenbrüche

Im Vorfeld der Studie suchte Zimbardos Arbeitsgruppe per Zeitungsannounce nach freiwilligen männlichen College-Studenten für sein Experiment. Pro Tag sollten die Beteiligten 15 US-$ bekommen (Inflationsbereinigt 82€ pro Tag). Nachdem die Gruppe gefunden und Einwilligungserklärungen unterschrieben waren begann das Experiment am 17. August 1971 mit gestellten öffentlichen Verhaftungen der “Gefangenen”. Echte Polizisten nahmen sie mit auf die Wache, von wo sie mit verbundenen Augen in as improvisierte Gefängnis gebracht wurden.

Im Gefängnis wurden die 9 “Sträflinge” auf drei Zellen verteilt. Ihnen wurden Nylonmasken übergezogen, schwere Fußketten angelegt und ihre Namen durch zugeteilte Nummern ersetzt. Die Wärter bekamen Uniformen, Gummiknüppel und verspiegelte Sonnenbrillen. Ihre Aufgabe war es für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Nach der offiziellen Dokumentation bekamen die Wächter volle Handlungsfreiheit. Sie konnten eigenständig einen Regel- und Maßnahmenkatalog erstellen und jederzeit ändern. Lediglich der Einsatz körperlicher Gewalt wurde ihnen untersagt.

Im Gefängnis

Die ersten zwei Tage verliefen recht ereignislos. Die Wächter riefen zu unregelmäßigen Tages- und Nachtszeiten zu Zählappellen auf und setzten Liegestütze an. Allgemein wurde auf beiden Seiten die Grenzen ausgelotet.

Die Situation änderte sich, als die Gefangenen kurz nach Beginn des Experiments eine Revolte anzettelten. Sie blockierten ihre Zellentüren, nahmen die Nylonstrümpfe vom Kopf und rissen die Nummernplaketten von ihrer Kleidung. Den Wärtern gelang es den Aufstand durch den Einsatz von eisigem CO2 aus Feuerlöschern niederzuschlagen. Von da an wurden die Maßnahmen härter. Den Gefangenen wurde die Kleidung weggenommen, der nächtliche Toilettengang verwehrt. Folgsame Gefangene wurden priviligiert behandelt und so Zwietracht zwischen den Gefangenen gesäht.

Kurz darauf erlitt ein Gefangener einen Nervenzusammenbruch und musste aus dem Experiment geholt werden. Die Situation wurde nicht besser. Wächter, zuvor als “möglichst durchschnittlich” ausgewählt, begannen sadistische Verhaltensweisen an den Tag zu legen. Gerade zu Nachtzeiten kam es vermehrt zu Zwischenfällen bei denen Experimentatoren einschreiten mussten. Nach nur sechs Tagen waren vier der Gefangenen wegen emotionalen Zusammenbrüchen aus dem “Gefängnis” geholt worden. Dabei sei allen Beteiligten klar mitgeteilt worden, dass sie das Experiment durch eine eindeutige Abbruchphrase sofort hätten beenden können.

Als am sechsten Tag die Freundin des Experimentleiters die Studie besuchte und die unmenschlichen Zustände bemerkte, wurde das Experiment frühzeitig abgebrochen.

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